04.04.2019 / Rede

Nachhaltige Entwicklungsziele erreichen – Potenziale aus der Agrarökologie anerkennen und unterstützen.

Rede zu Protokoll

 

Sehr geehrte/r Herr Präsident / Frau Präsidentin

Kolleginnen und Kollegen,

Anfang März war ich mit einer Reise unseres Ausschusses in Äthiopien. Es war spannend, es war interessant und es hat Ansätze gezeigt, an die wir in Europa gar nicht denken. Das will ich Ihnen an zwei Beispielen erzählen: Wir haben dort ein landwirtschaftliches Projekt besucht, da ging es um die Mechanisierung der Landwirtschaft. Vor Ort wurden uns zwei Ansätze präsentiert. Auf der einen Seite gab es eine Erfindung der Bauern. Sie haben den alten pharaonischen Ochsenpflug mit ganz einfachen Mitteln so raffiniert weiterentwickelt, dass damit die Arbeitszeit zum Bestellen eines Feldes von vier Tagen auf nur einen reduziert wird und gleichzeitig die wichtige Reihensaat ermöglicht wird, die den Ertrag steigert. Es wird auch ein kleines Unternehmen vor Ort geben, das Pflüge herstellt und repariert.

Auf der anderen Seite gibt es ebenfalls ein kleines Unternehmen, das bietet importierte Traktoren und Mähdrescher zum Leasen an. Der Traktor braucht für die gleiche Arbeit nur vier Stunden. Das Ausleihen kostet aber fast so viel wie die Anschaffung des Pfluges, für einen einzelnen Bauern zu teuer. Wenn am Traktor etwas kaputt geht, muss auf teure Ersatzteile aus Europa gewartet werden. Außerdem braucht er Diesel, der Pflug nur einen Ochsen.

Es ist ein kleines Beispiel, an dem sich die grundlegenden Prinzipien von „Was ist Agrarökologie“ und „Was ist Agrarökologie nicht“ erkennen lassen. Agrarökologie bedeutet ja auch unter anderem, vorhandene Ressourcen, auch Nutztiere, zu verwenden und auf teure Importe zu verzichten.

Und heute freue ich mich, dass die Koalition dieses wichtige Thema auf die Tagesordnung gebracht hat. Agrarökologie und Nachhaltigkeitsziele passen inhaltlich wunderbar zusammen. Dadurch können wir sehr vielen der 17 Nachhaltigkeitsziele einen riesigen Schritt näherkommen. Im Globalen Süden besteht die Möglichkeit einer Ertragssteigerung von bis zu 80% – ohne dass Menschen, Klima und Böden darunter leiden.

Der Antrag geht grundsätzlich in die richtige Richtung. Aber in drei zentralen Punkten bereitet er mir Bauchschmerzen.

Erstens:

Ich finde es richtig, dass Sie mit Agrarökologie ein neues, zukunftstaugliches Kapitel in der Landwirtschaft öffnen wollen. Allerdings müssen Sie dafür auch ein paar Kapitel schließen, die besser heute als morgen der Vergangenheit angehören sollten.

Was meine ich damit? Die Bundesregierung finanziert Maßnahmen, deren Ziel  eine kommerzielle Landwirtschaft ist, mit jeder Menge künstlichem Dünger und Pestiziden, die teilweise nicht mal in Europa zugelassen sind. Sie unterstützen Veränderungen in der Saatgutgesetzgebung in afrikanischen Ländern. Dadurch können Kleinbauern nicht mehr eigene, lokal angepasste Sorten verwenden, ihr Saatgut untereinander tauschen und weiterentwickeln. Stattdessen sollen sie teures Hybridsaatgut der Agrarmultis kaufen. Das ist das Gegenteil von nachhaltig, das macht die Bauern abhängig und bringt sie an den Rand des Ruins. Das muss dringend gestoppt werden!

Zweitens:

Sie schreiben in Ihrem Feststellungsteil, dass Fragen von Machtstrukturen und Ungleichheit angesprochen werden müssen. Hier gebe ich Ihnen vollkommen Recht. Nur findet sich das leider an keiner Stelle in Ihrem Forderungsteil wieder. Wo sind ihre Antworten auf die zunehmenden Konzentrationsprozesse in der Landwirtschaft? Einige wenige multinationale Agrarkonzerne kontrollieren die gesamte Lieferkette vom Acker bis zum Teller. Und diese Agrarkonzerne sind bei Ihnen nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung!

Da müssen Sie sich schon die Frage gefallen lassen: Was bringt es, wenn Sie vorne ein zartes agrar-ökologisches Pflänzchen sorgsam mit der Hand pflegen, während ein übergroßes agrar-industrielles Hinterteil den ganzen Garten einreißt?

Drittens:

Ich finde gut, dass Sie den Aspekt der Souveränität in Ihrem Antrag hervorheben. Die Erzeuger*innen sollen frei entscheiden können, was sie produzieren, für wen und auf welche Art. Agrarökologie ist ein Konzept von unten und darf nicht „von oben“ vereinnahmt werden. Wie im anfangs erwähnten Pflug-Beispiel gestalten die Erzeuger*innen die Veränderung selbst und bekommen sie nicht von oben diktiert, weder durch Staaten noch durch Konzerne.

Agrarökologie ist nicht einfach irgendeine Alternative zur industriellen Landwirtschaft. Es ist die (!) Alternative, um die Welt in Zukunft nachhaltig ernähren zu können. Deshalb: Seien Sie mutig und bleiben Sie nicht auf halber Strecke stehen. Mit der Umsetzung ihres Antrags können wir für eine nachhaltigere und sozial gerechtere Landwirtschaft sorgen. Dafür ist es nötig, dass die Bundesregierung sich konsequent im Sinne der Richtlinien der Agrarökologie für eine umfassende Transformation des Ernährungs- und Agrarsystems einsetzt – in Deutschland, in Europa und weltweit im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit.

Vielen Dank.