05.11.2019 / Presseecho

Insolventer "Entwicklungshelfer". Ministerium fördert Projekt mit Touristikkonzern »Thomas Cook«. Die Linke verlangt Aufklärung (5.11.2019)

junge welt

Von Marvin Oppong

Der nun vor dem Aus stehende Konzern war Partner eines staatlich subventionierten Programms zur Ausbildung von Hotelfachkräften in Tunesien

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert im Rahmen seines »DeveloPPP.de«-Programms – vom englischen »to develop« (entwickeln) und »Public Private Partnership« (öffentlich-private Zusammenarbeit) – mit 100.000 Euro ein gemeinsames Projekt der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) mit dem Reiseunternehmen »Thomas Cook« sowie dem Cook-nahen Touristikverband Futouris zur Ausbildung von Hotelfachkräften in Tunesien. Doch wegen »der aktuellen Situation nach Einleitung eines vorläufigen Insolvenzverfahrens bei Thomas Cook« hätten die Projektpartner gemeinsam beschlossen, »das Programm zu pausieren«, räumte ein Sprecher des von Minister Gerd Müller (CSU) geleiteten BMZ auf jW-Anfrage ein. Es werde zu einem späteren Zeitpunkt »über die Fortführung des Projektes entschieden«.

Ursprünglich sollte das 2017 gestartete Ausbildungsprogramm bis August 2020 laufen. »Thomas Cook« ist unter anderem für die Zusammenarbeit der zehn an dem Projekt beteiligten Hotels verantwortlich und soll sich gemeinsam mit der Deutsch-Tunesischen Industrie- und Handelskammer um die Qualifizierung der Ausbilder kümmern. Die beteiligten Hotels tragen Namen wie »Seabel Alhambra«, »Riadh Palms« oder »Saphir Palace« und bieten über bekannte Buchungsseiten Zimmer an.

Von der Bundesregierung verlangt die Bundestagsabgeordnete Eva-Maria Schreiber (Die Linke) eine »schnelle und lückenlose« Aufklärung, »inwiefern und in welcher Höhe Entwicklungsgelder« im Rahmen von »DevelopPPP« an das insolvente Tourismusunternehmen »Thomas Cook« in Tunesien geflossen sind, wie sie gegenüber jW mitteilte. Das BMZ treibe derzeit eine »Privatisierung der Entwicklungszusammenarbeit« voran, bei der Unternehmen »durch staatliche Entwicklungsgelder direkt bei dem Eintritt in neue Märkte im globalen Süden unterstützt« würden. Schreiber fordert deshalb eine »Debatte über die Sinnhaftigkeit der Förderung deutscher Unternehmen« durch Entwicklungshilfe.

Das zum Entwicklungsressort gehörende Deutsche Evaluierungsinstitut der Entwicklungszusammenarbeit kam 2017 zu dem Ergebnis, dass bei »DeveloPPP« der »realisierte unternehmerische Mehrwert den entwicklungspolitischen oftmals überwiege«. Beim Ministerium ist man der Auffassung, dass das eingestellte Projekt in Tunesien Wirkung entfaltet hat: »Durch verbesserte Ausbildung erhalten junge Menschen berufliche Perspektiven im Tourismussektor, durch die resultierende verbesserte Qualität der Dienstleistung kann der Tourismus im Land gefördert werden«, so der BMZ-Sprecher gegenüber jW. Dadurch entstünden neue und sichere Arbeitsplätze im lokalen Hotelsektor und damit verbundene Wertschöpfungsketten. Durch eine gleichzeitige Integration von Nachhaltigkeitsaspekten in die Ausbildung könne zudem der Grundstein für die Entwicklung einer nachhaltigeren Hotellerie im Land gelegt werden.

Es habe, so der Ministeriumssprecher, bereits zuvor Unternehmen gegeben, »die im Rahmen eines ›DeveloPPP‹ insolvent geworden sind«. In diesen Fällen sei man vorgegangen wie im Fall des Touristikkonzerns. Bislang hat die GIZ nach Auskunft des BMZ 36.000 Euro in das Projekt investiert, »Thomas Cook« 39.000 Euro. Das Ministerium kooperierte im Rahmen sogenannter Entwicklungspartnerschaften mit bereits 198 Unternehmen, darunter Konzerne wie die Deutsche Bank, Bayer, Siemens und Südzucker, BP, Nestlé, RWE, Heineken und das Rüstungsunternehmen MTU Aero Engines.