13.11.2019 / Artikel

Bericht zum Fachgespräch: Ohne Grundbildung keine erfolgreiche Berufsbildung

Tut Deutschland genug gegen die Bildungskrise?

Inklusive, chancengerechte und hochwertige Bildung ist nicht nur eines der 17 Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen, sondern auch ein Schlüssel zur Erreichung aller weiteren 16 UN-Ziele. Die globale Bildungskrise muss also auch im Sinne nachhaltiger Entwicklung überwunden werden. Aktuell erreichen mehr als 600 Millionen Kinder und Jugendliche weltweit beim Lesen und Rechnen nicht das Mindestniveau, über 260 Millionen Kinder und Jugendliche gehen gar nicht in die Schule.

Zu einem öffentlichen Fachgespräch über diese Themen kamen am Mittwoch den 13. November zahlreiche Expert*innen verschiedener Nichtregierungsorganisationen auf Einladung Eva Schreibers in den Räumen des Deutschen Bundestages zusammen.

Die Bundesregierung hat in den letzten Jahren ihre Ausgaben im Bereich der Förderung der internationalen Grundbildung zwar kontinuierlich erhöht, dennoch liegt der Schwerpunkt des deutschen Engagements im internationalen Bildungsbereich immer noch auf der Förderung des dualen Ausbildungssystems - mit dem Idealbild der Berufsschule für die Theorie und dem Betrieb für die Praxis. Das erklärte Ziel bei den außereuropäischen Kooperationen in diesem Bereich ist in erster Linie die Deckung des Fachkräftebedarfs deutscher Unternehmen auf den Auslandsmärkten.

Wie sehr das am Bedarf in den ärmsten Ländern der Welt vorbei geht, berichtete Herr Fazzle Rabbani, bei der Globalen Bildungspartnerschaft (GPE) verantwortlich für Ostafrika und Lesotho: Während etwa im Südsudan im ersten Schuljahr noch 96 Prozent der Kinder eine Schule besuchen, werden es bis zum Abschluss der Grundschule immer weniger. Bis zur letzten Klassenstufe schaffen es gerade einmal 14 von 100 Schüler*innen. Bei Mädchen ist die Quote sogar von Beginn weniger als halb so hoch.

Diese Zahlen zeigen sehr deutlich, dass es nicht sinnvoll ist, sich in den ärmsten Ländern des globalen Südens auf weiterführende Bildungsangebote zu konzentrieren. Ohne Fundament lässt sich nichts aufbauen. Die meisten Kinder brechen die Schule ab, weil sie zu Hause ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Für Rabbani ist deshalb klar, dass die Bekämpfung der Armut ein zentrales Element zur Bekämpfung der globalen Bildungskrise sein muss.

Eva Schreiber erinnerte daran, dass auch in Deutschland die Chance auf einen höheren Bildungsabschluss für Jugendliche aus bildungsfernen Haushalten wesentlich schlechter ist als für Kinder aus einem Akademikerhaushalt. Fehlende Kindergartenplätze, eine hohe Schulabbrecherquote, zu wenig und unterbezahltes pädagogisches Fachpersonal, schlechte Rahmenbedingungen in Schulen und Hochschulen sind hierzulande unmittelbare Folge des Fetisch der “schwarzen Null”: Ihm opfert die Bundesregierung opfert seit Jahren dringend notwendige Investitionen in Bildung.

Für DIE LINKE ist gleicher Zugang zu Bildung ein Menschenrecht, das für Jeden und Jede gilt - überall auf der Welt. Bildung trägt signifikant zur Verringerung von Armut und zu mehr Geschlechtergerechtigkeit bei, ein zusätzliches Schuljahr erhöht das persönliche Einkommen um etwa 10 Prozent, bei Mädchen sogar um bis zu 20 Prozent.

Mit der Agenda 2030 haben sich die Mitglieder der Vereinten Nationen 2015 verpflichtet, 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) erreichen zu wollen. SDG 4 fordert, allen Menschen bis 2030 Zugang zu einer hochwertigen, inklusiven und chancengerechten Bildung zu ermöglichen. Das oberste Prinzip der SDGs, das „leave no one behind“, „niemanden zurücklassen“, ist aber leider heute eher eine leere Floskel als realpolitischer Anspruch: Laut Weltbildungsbericht der UNESCO fehlen alleine für die Umsetzung von SDG 4 jährlich etwa 39 Milliarden US-Dollar.

Auch wenn das BMZ auf seiner Homepage erklärt, „Bildung ist der Schlüssel für eine zukunftsfähige Entwicklung und deshalb ein Schwerpunkt der deutschen Entwicklungspolitik“ klaffen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. So unterstützt Deutschland die GPE heute mit nur 37 Millionen Euro im Jahr, während Frankreich 100 Millionen beisteuert. Zum Vergleich: Ein einziges Kampfflugzeug des Typs Tornado kostet 98 Millionen Euro. DIE LINKE. fordert für das  nächste Jahr 115 Millionen Euro für die GPE.

Mit dem mangelnden Einsatz der Bundesregierung auf diesem Gebiet konfrontiert, verwies die Leiterin der Bildungsabteilung des Bundesministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit Ina von Frantzius darauf, dass es durchaus zahlreiche umfassende weitere Ausgaben auf diesem Gebiet gebe. Aktuelle Zahlen, die die Bundesregierung selbst vorgelegt hat,insbesondere wie hoch die Ausgaben für Grundbildung im Jahr 2018 tatsächlich gewesen sind, ließen sich aber im Rahmen des Fachgesprächs nicht klären. Außerdem wurde deutlich, dass öffentliche Aussagen des Entwicklungsministers, zukünftig 25 Prozent des BMZ-Etats in Bildung investieren zu wollen, bisher in keiner Weise praktisch unterfüttert sind.

Jan-Thilo Klimisch von der Globalen Bildungskampagne verwies darauf, dass auch die vom BMZ seit langem angekündigte Strategie zu inklusiver Bildung bis heute auf sich warten lässt. Das „leave-no-one-behind“-Prinzip der Vereinten Nationen beinhaltet den Zusatz, dass sich um die bisher am meisten vernachlässigten Gruppen zuerst gekümmert werden solle. Davon sei bei den Projekten der Bundesregierung leider in der Praxis kaum etwas zu spüren.

Am Ende des Austauschs wurde deutlich, dass die Forderungen der LINKEN zur Lösung der globalen Bildungskrise auch weiter Bestand haben: Der Schwerpunkt der internationalen Bildungspolitik muss endlich den Einsatz für die Ärmsten ins Zentrum der Bemühungen stellen, statt mit Blick auf die Profitinteressen deutscher Unternehmen im Ausland das duale System zu propagieren.

Statt der Unterstützung unzähliger kleiner Projekte sollte die Bundesregierung den Aufbau kostenloser Bildungssysteme fördern. Außerdem sollte Deutschland die GPE als derzeit erfolgreichstes internationales Instrument zur Förderung von Grundbildung endlich angemessen finanzieren. Die (globale) Bildungskrise muss endlich ein Ende haben. Ein Mindestmaß an Bildung ist Grundvoraussetzung, um überhaupt ein Leben in Würde führen zu können.