22.09.2020 / Presseecho

Wasserstoff-Kolonialismus

Die Wasserstoffstrategie der Bundesregierung ist entwicklungspolitisch ein Armutszeugnis

Dieser Artikel erschien am 22.9.2020. als Gastkommentar in der Frankfurter Rundschau.

 

Es ist eine verführerische Vision: 2050 läuft die deutsche Wirtschaft auf Hochtouren, ohne ein Gramm CO2 auszustoßen. Auch Autofahren ist weiterhin uneingeschränkt möglich. Aus dem Auspuff strömen jedoch keine Abgase, sondern tropft Wasser. Zu verdanken haben wir das dem Erfolg der deutschen Wasserstoffstrategie, die die Bundesregierung 2020 inmitten der Corona-Krise verabschiedete und mit 9 Milliarden Euro unterfütterte. In historischer Weitsicht gelang es ihr, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: die deutsche Wirtschaft aus der Rezession zu holen, indem sie sie als globaler Marktführer im Bereich Wasserstoff –dem „Öl des 21. Jahrhunderts“ – positionierte, und Deutschlands Aufbruch in ein post-fossiles, nachhaltiges und klimafreundliches Energiezeitalter einzuleiten. Schöne, neue Welt? Ja –  zumindest wenn man die deutsche (Auto-)Industrie fragt. Denn die kann ihr bisheriges Geschäftsmodell fortführen, muss lediglich auf einen neuen Kraftstoff umrüsten.

Wesentlich komplexer wird es, wenden wir unseren Blick dem Rest der Welt zu. Zur Produktion von grünem Wasserstoff benötigt man nicht nur deutsche Technologie, sondern sehr viel Energie und jede Menge Wasser. Dieser Bedarf soll vorwiegend aus dem Ausland abgedeckt werden – die Bundesregierung schätzt, dass 80 bis 90 Prozent des in Deutschland benötigten Wasserstoffs bis 2030 importiert werden muss.

Große Hoffnungen setzt man unter anderem auf Afrika. Ein von der Bundesregierung in Auftrag gegebener „Potentialatlas Afrika“ soll klären, in welchen Ländern und Regionen Wasserstoff in großen Mengen hergestellt werden kann. Wie Forschungs- und Wirtschaftsministerium vor kurzem bei einer Debatte im Bundestag klar stellten, dürfe Wasserstoffproduktion in Afrika dabei keine Einbahnstraße sein: Es gehe nicht an, dass Deutschland nur die Technologie liefere und afrikanische Länder den produzierten Wasserstoff selbst verbrauchen. Beide Ministerien setzen bei der Kooperation auf afrikanische Partner, die auch bereit sind, Wasserstoff nach Deutschland zu exportieren.

Klingt irgendwie kolonialistisch. Ist es auch. Die Zukunftstechnologie Wasserstoff baut in seiner jetzigen Form auf rückwärtsgewandten Ausbeutungsmustern auf. Einmal mehr soll Afrikas Rolle als Technologieimporteur und Rohstoffexporteur festgeschrieben werden. Dass die meisten afrikanischen Länder unter extremer Energiearmut leiden, jedes Kilowatt erzeugte Energie also selbst bitter nötig haben, spielt dabei keine Rolle – allen Versprechen einer „Partnerschaft auf Augenhöhe“ zum Trotz.

Beispiel gefällig? Vor kurzem reiste der Afrikabeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke, mit einer deutschen Wirtschaftsdelegation in die Demokratische Republik Kongo. Gemeinsam mit der Deutschen Bank, Voith Hydro und anderen lotete er dort die Möglichkeiten aus, am Kongofluss ein gigantisches Kraftwerk zu errichten (INGA3), um damit Wasserstoff für den deutschen Markt zu produzieren. Eine „eierlegende Wollmilchsau“ nennt Nooke das Projekt. Hinweise auf die verheerenden ökologischen und sozialen Auswirkungen von INGA3, zum Beispiel die Umsiedelung von 35.000 Menschen, tut Nooke mit dem Hinweis ab, solche Argumente könne man sich angesichts der grassierenden Armut im Kongo nicht leisten. Genau an dieser Armut wird INGA3 aber nichts ändern, da die produzierte Energie nach Deutschland gehen soll, währen die Lebensgrundlagen zehntausender Menschen für immer zerstört sind.

Will die Bundesregierung die Integrität ihrer Wasserstoffstrategie wahren, muss sie die Pläne von Nooke und seiner befreundeten Unternehmen sofort stoppen. Zudem muss sie die Wasserstoffstrategie entwicklungspolitisch nachbessern. Das betrifft beispielsweise die Besetzung des Wasserstoffrats, der die Umsetzung der Wasserstoffstrategie begleitet. Von den 26 Mitgliedern hat bisher kein einziges entwicklungspolitische Expertise. Eine solche Expertise ist aber dringend nötig, um verpflichtende Vorgaben aufzustellen, unter denen Wasserstoff überhaupt importiert werden darf. Menschenrechte und Umweltstandards müssen darin ebenso festgeschrieben sein wie die Priorität, die Energieversorgung der Partnerländer zu verbessern.

Eine Energierevolution, die diesen Namen auch verdient, funktioniert nicht, wenn wir allein Öl durch Wasserstoff ersetzen. Deutschland muss seinen eigenen Energiebedarf deutlich senken, um nicht in einen neuen Energie-Kolonialismus zu verfallen. Meinen wir es ernst mit einem nachhaltigen Umbau unserer Gesellschaft, müssen wir unser eigenes Wirtschaftssystem ebenso ändern wie die Beziehungen zum Rest der Welt.