05.02.2021 / Artikel

Fraktion vor Ort: Neue Wege übers Land - Landwirtschaft zum Wohl von Mensch und Natur

Fraktion vor Ort: Neue Wege übers Land - Landwirtschaft zum Wohl von Mensch und Natur

Bericht zur Online-Podiumsdiskussion vom 4. Februar 2021:

Heidrun Bluhm-Förster hob zu Beginn ihres Eingangsstatements die Bedeutung der Landwirtschaft als prägenden Wirtschaftszweig im ländlichen Raum hervor. Aber die Landwirtschaft sei schon lange nicht mehr der einzige. Die Energiewirtschaft, die verarbeitende Industrie von landwirtschaftlichen Produkten, der Tourismus, die Kreativwirtschaft und Kunstschaffende gewinnen an Bedeutung außerhalb von Ballungsräumen und Oberzentren. Viel mehr Menschen würden sehr gerne die Großstädte verlassen, wenn sie in den ländlichen Räumen gute Arbeits- und Lebensbedingungen vorfinden könnten. Grundgesetz und bayerische Verfassung formulieren schließlich das Staatsziel, die Lebensbedingungen in Deutschland gleichwertig zu entwickeln. Tatsächlich gibt es immer noch und immer größere Defizite gerade in der Daseinsfürsorge (Gesundheitswesen, ÖPNV, Bildung und Kultur). Heidrun Bluhm-Förster forderte daher eine am Gemeinwohl orientierte Nachhaltigkeitsstrategie zur Entwicklung der ländlichen Räume und sie verwies auf einen aktuellen Antrag der LINKEN (Drs.-Nr. 19/26297), der dafür Vorschläge beinhalte.

Der Landwirt Michael Muhr stellte zunächst sich und seinen Betrieb vor. Er betreibt seit 20 Jahren „pfluglosen“ Ackerbau mit Direktvermarktung. Er ist im Vorstand des Vereins „Landwirtschaft verbindet Bayern e.V.“. Seine größte Aufmerksamkeit erreichte der Verein durch Schlepper-Demos, die vor den Zentrallagern vieler Supermarktketten gegen das „Verramschen“ von Lebensmittel protestierten. Muhr kritisierte den Preisdruck durch Discounter und den ausländischen Erzeugern, so dass die Agrarbetriebe gezwungen werden, viele ihrer Produkte unter dem Erzeugerpreis zu verkaufen. Wenn schon mit dem Weltmarkt konkurriert werden müsse, müssten auch gleiche Bedingungen bei Arbeitsrechten und Naturschutzauflagen gelten. Und wenn unter höheren Auflagen in Deutschland produziert werden müsse, sollte die einheimische Landwirtschaft einen finanziellen Ausgleich erhalten. Darüber hinaus kritisierte Michael Muhr, dass Pestizide, die in Deutschland verboten sind, im Ausland verkauft und eingesetzt werden dürften.

Tim Brand erklärte, dass er als Land- und Forstwirt seit 35 Jahren ökologisch wirtschafte. Er sieht die Landwirtschaft am Ende einer Produktivitätsspirale. Mehr Produktivität auf dem Acker gehe nicht, ohne ökologischen Schaden anzurichten. Die Ausgleichszahlung für die Landwirtschaft - nach Gründung der EU - sollten bei wegfallenden Zöllen stabile Preise garantieren. Dass diese Agrarsubventionen jetzt auch mit Umweltauflagen verbunden werden, halte er für ungerecht. Die ökologischen Leistungen der Landwirtschaft, z.B. bei der C02-Speicherung in Wald und Äckern (Kohlenstoff-Bindung), müssten vergütet werden. Tim Brand bedauerte auch das Sterben von mittleren und kleinen Höfen - bei gleichzeitigem Trend zu großflächigen Betrieben -, auch weil dadurch die Biodiversität gefährdet werde. Die Ressourcen und Leistungen der Landwirtschaft würden verkannt und nicht belohnt werden.

Kirsten Tackmann bezeichnete das Thema Landwirtschaft als eines der wichtigsten für DIE LINKE, weil es um die Frage gehe, wie unsere Lebensmittel produziert werden, wer sich diese noch leisten könne und unter welchen Bedingungen für Mensch und Natur die Lebensmittel produziert werden. Die agrarpolitische Sprecherin sieht grundsätzlich einen Systemfehler, weil die vorherrschende Agrarpolitik im Interesse von Konzernen betrieben werde, unter der Vorgabe die Waren billig zu produzieren zu lassen, um einen möglichst hohen Profit zu erzielen. So steht die Bauernschaft einer extremen Marktmacht gegenüber. Jede Landwirtin und jeder Landwirt würden sich einem fairen Wettbewerb stellen, aber ihre ökologischen und sozialen Leistungen müssten bezahlt werden. Dafür forderte sie einen Systemwechsel mit veränderten Strukturen. Eine regionale  Vermarktung und eine Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte vor Ort wären ein guter Anfang. Gegen die, die mit Kapital Geld verdienen regte Kirsten Tackmann eine Allianz an, von Agrarbetrieben („große und kleine, konventionelle und ökologische“), mit den VerbraucherInnen und den Menschen in den ländlichen Räumen.

Nach den Eröffnungsstatements der Podiumsgäste entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Und im Chat wurden zahlreiche Fragen formuliert.

Zum Abschluss stellte Kirsten Tackmann klar, dass DIE LINKE die Partei sei, die sich am stärksten für die Landwirtschaft einsetze. Und BäuerInnen seien genauso „systemrelevant“ wie z.B. PflegerInnen oder VerkäuferInnen. Ihre Leistungen für das Gemeinwohl würden nicht angemessen belohnt werden.

Heidrun Bluhm-Förster wünschte sich, die Diskussion könne tatsächlich „vor Ort“ - auch in Eichstätt - weitergeführt werden.

Mein herzlicher Dank galt den Gästen auf dem Podium, den zahlreichen, interessierten ZuhörerInnen und denen, die die Veranstaltung vorbereitet und betreut hatten.