08.03.2021 / Artikel

Rotes-Sofa-Gespräch über „Kollektive Verunsicherung“

Prof. Dr. Ralf T. Vogel

Prof. Dr. Ralf T. Vogel war mein Gesprächsgast auf dem virtuellen Roten Sofa am 6. März 2021. Der Ingolstädter Psychologe und Psychotherapeut umriss zunächst in seinem Eingangsreferat das Thema „Kollektive Verunsicherung“ aus wissenschaftlicher Sicht. Kollektiv bedeute, dass die Verunsicherung gemeinschaftlich erfahren werde und damit die ganze Gesellschaft erfasst werde.

Im Nachkriegsdeutschland hätte es nur wenige Ausnahmesituationen gegeben, die mit der Corona-Pandemie verglichen werden könnten. Als Beispiele erwähnte Ralf Vogel den „Deutschen Herbst“ (RAF-Terror 1977) Tschernobyl (1986) oder die Verbreitung des Aids-Virus (seit 1981). Außer durch Pandemien könnten kollektive Verunsicherungsszenarien auch durch Kriege, durch Umwelt- und Naturkatastrophen oder von ökonomischen Krisen ausgelöst werden.

Der Referent definierte Verunsicherung als Empfinden und Denken auf eine wahrgenommene Unsicherheit, gestützt auf die Faktoren Risiko und Gefahr. Konkret erzeuge die Pandemie Emotionen der Angst, aber auch der Überforderung und Wut. Letztere Gefühle führten auch zu einer sinkenden Risikowahrnehmung und zu trotzigen Reaktionen in der Bevölkerung gegen die Verordnungen der Politik. Für dieses Verhalten stellte Ralf Vogel den Begriff „Aftselakhis“ (aus dem Yiddischen) vor, der später in der Diskussion immer wieder aufgegriffen wurde.

Der Psychotherapeut erklärte, dass das Verunsicherungsszenario der Pandemie vermehrt Angsterkrankungen, Depressionen, Trauerreaktionen und Suizidalität hervorrufen könne. Freilich gäbe es dafür noch zu wenig belastbare Studien. Aber die Anfragen auf Psychotherapie-Plätze seien um 40% gestiegen, um 60% bei Kindern. Diese und Jugendliche seien auch tatsächlich stärker belastet durch die pandemische Lage als ältere Menschen. Verstärkt werde die „Kollektive Verunsicherung“ durch den Mangel an Sozialkontakten und körperlichen Berührungen und durch fehlende Angebote, das Selbstwertgefühl der Menschen zu stärken, etwa durch Bildung, Kultur und körperliche Ertüchtigung.

Zum Schluss seines Vortrags erklärte Ralf Vogel, dass die Politik durchaus dazu beitragen könnte, die Verunsicherungen in der Bevölkerung zu reduzieren. So sollte die Politik ihre Verordnungen und die Notwendigkeit von Grundrechtseinschränkungen besser erklären und begründen. Die Entscheidungsteilhabe der Bürgerinnen und Bürger müsste durch Befragungen und Debatten verbessert werden. Ralf Vogel schlug einen „multidisziplinären Pandemierat“ vor, in dem neben Fachleuten der Virologie und Epidemiologie auch solche der Psychologie, Soziologie oder Theologie sitzen müssten. Schließlich sollten positive und zuversichtliche Zukunftsszenarien aus der Pandemie und für die Zeit nach der Pandemie von der Politik entwickelt und kommuniziert werden.

In der anschließenden, lebhaften Diskussion wurden viele Fragen gestellt, die die wissenschaftlichen Ausführungen des Referenten mit der aktuellen „Corona-Politik“ verknüpften. Aber es wurden auch sehr persönliche Fragen aufgeworfen und Erfahrungen geschildert, die zum Beispiel das seelische Wohl von Kindern betrafen. In diesem Fall konnte Ralf Vogel hilfreiche Buchempfehlungen geben. Und auch ich konnte aus meinem Roten-Sofa-Gespräch wissenschaftliche Erkenntnisse und persönliche Anregungen der Diskussionsteilnehmer*innen für meine politische Arbeit mitnehmen.